Seminar




Gottes Pläne
Es gibt da jedenfalls keinen blitzartigen Erleuchtungsaugenblick, in dem ich nun erkannt hätte, dass ich Priester werden soll. Es ist im Gegenteil langsam mit mir gewachsen und musste auch immer wieder neu bedacht und neu erworben werden. Ich könnte die Entscheidung auch nicht datieren. Aber das Gefühl, dass Gott mit jedem Menschen etwas vorhat, auch mit mir, das ist früh in mir deutlich geworden, dass eine Idee Gottes mit mir da ist, und allmählich ist mir klargeworden, dass das, was er vorhat, mit dem Priestertum zu tun hat.
Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde, 1996



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Wiederaufnahme des Studiums
Langsam sammelten sich die Versprengten wieder. Wir suchten uns gegenseitig, tauschten unsere Erinnerungen und unsere Pläne für das neue Leben aus. Mein Bruder und ich arbeiteten in dem durch sechs Jahre Lazarettzeit ziemlich heruntergekommenen Seminar mit anderen Heimkehrern nach Kräften daran mit, das Haus wieder für seinen eigentlichen Zweck brauchbar zu machen. Bücher gab es in dem verwüsteten und wirtschaftlich total daniederliegenden Deutschland nicht zu kaufen. Aber beim Pfarrer und im Seminar konnten wir doch einiges zu leihen bekommen und so versuchen, erste Schritte ins unbekannte Land der Philosophie und der Theologie zu tun. Mein Bruder gab sich leidenschaftlich der Musik hin, die sein besonderes Charisma ist.
Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, 1998



Seminar in Freising
Es war eine bunt gemischte Schar, die etwa 120 Seminaristen, die sich nun in Freising [Weihnachten 1945]zusammenfanden, um sich auf den Weg zum Priestertum zu machen. Die Altersspanne reichte von fast Vierzigjährigen bis zu uns, ein paar Neunzehnjährigen herunter. Viele hatten den ganzen Krieg, fast alle einige Jahre Soldatendienst durchgemacht und waren durch Schrecknisse und Prüfungen hindurchgegangen, die ihr Leben zutiefst geprägt hatten. Verständlich, dass manche der alten Krieger auf uns Junge wie auf unreife Kinder herunterschauten, denen die zum priesterlichen Dienst nötigen Leiden fehlten und die nicht jene dunklen Nächte durchschritten hatten, in denen erst das Ja zum Priestertum seine volle Gestalt finden kann. Trotz des gewaltigen Unterschieds der Erfahrungen und der Horizonte band uns alle eine grosse Dankbarkeit dafür zusammen, dass wir aus dem Abgrund der schweren Jahre hatten heimkehren dürfen. Diese Dankbarkeit schuf einen alle beherrschenden Willen, nun endlich das Versäumte nachzuholen und Christus in seiner Kirche zu dienen für eine neue, bessere Zeit; für ein besseres Deutschland, für eine bessere Welt. Niemand zweifelte, dass die Kirche der Ort unserer Hoffnungen war.
Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, 1998



Familiäre Gemeinsamkeit
Das Studium [immer noch in Freising] wurde, wie gesagt, durch den gemeinsamen Hunger nach Erkenntnis beflügelt. Aber es erhielt auch seinen rechten menschlichen Raum durch die Atmosphäre familiärer Gemeinsamkeit, die im Seminar bei allen Unterschieden von Alter und geistiger Herkunft herrschte. Viel dazu beigetragen hat unser damaliger Regens Michael Höck, der fünf Jahre lang im Konzentrationslager Dachau gesessen hatte und sich durch seine gemütvolle und herzliche Art bald den Zunamen "der Vater" erwarb. Im Haus wurde auch viel musiziert und bei festlichen Anlässen Theater gespielt. Vor allem aber bleiben kostbare Erinnerungen die grossen liturgischen Feste im Dom wie auch das stille Beten in der Hauskapelle. Die grosse Gestalt des greisen Kardinals Faulhaber hat mich tief beeindruckt. Man spürte förmlich die Last der Leiden, die er in der Nazi-Zeit getragen hatte und die ihn nun mit einer unsichtbaren Würde umgab. Wir suchten in ihm nicht einen "Bischof zum Anfassen"; mich berührte vielmehr die ehrfurchtgebietende Grösse seines Auftrags, mit dem er ganz eins geworden war.
Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, 1998



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Wechsel nach München
Im Sommersemester 1947 ging das zweijährige Studium der Philosophie zu Ende, das der damalige Lehrplan vorsah, und nun war eine neue Entscheidung zu fällen. [...] Mit zwei anderen Mitstudenten meines Jahrgangs entschied ich mich, die Bitte an den Bischof zu richten, mir das Studium in München zu gestatten, was auch geschah. Ich hoffte, durch die Arbeit an der Universität noch intensiver in die geistigen Auseinandersetzungen der Gegenwart einzudringen und eventuell auch eines Tages mich selbst ganz der wissenschaftlichen Theologie zuwenden zu können.
Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, 1998



Eng und karg
Es herrschte drangvolle Enge: In ein und demselben Haus wohnten zwei Professoren, befand sich das Sekretariat der Fakultät und ihr Sitzungszimmer, dazu die Seminarbibliotheken für Pastoraltheologie, Kirchengeschichte und Exegese des Alten sowie des Neuen Testaments und unsere Studier- und Schlafräume. Bei dieser Enge musste man doppelstöckige Betten verwenden. Als ich am ersten Morgen, noch schlaftrunken, meine Augen auftat, glaubte ich einen Augenblick, es sei wieder Krieg, und ich sei wieder in unsere Flak-Batterie zurückversetzt. Auch die Verpflegung war karg, weil man nicht wie in Freising auf einen eigenen Bauernhof zurückgreifen konnte. Im Schloss selber war ein kleines Lazarett, gleichfalls für ausländische Verwundete, sowie das Exerzitienhaus untergebracht. Wunderbar war es, dass uns der schöne Schlosspark zur Verfügung stand, der in einen auf französische Manier angelegten Teil und einen nach englischer Weise gestalteten Garten geteilt war. Durch diesen Park bin ich immer wieder mit vielerlei Gedanken gewandert; in ihm sind die Entscheidungen jener Jahre gereift, und in ihm habe ich die Erkenntnisse zu durchdenken und in eigene Einsicht umzuwandeln versucht, die uns in den Vorlesungen zugekommen waren.
Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, 1998



Vorlesungssaal
Den Vorlesungen unserer grossen akademischen Lehrer sah ich mit brennender Spannung entgegen. Freilich – der Ort der Handlung war eigenartig. Da kein Hörsaal zu Verfügung stand, mussten die Vorlesungen im Gewächshaus des Schlossgartens stattfinden, in dem uns zunächst glühende Hitze empfing, die im Winter durch entsprechende Kälte wieder wettgemacht wurde. Aber solche äusserlichkeiten störten uns damals kaum.
Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, 1998



Gerade in den sechs Jahren Theologiestudium begegnet man so vielen menschlichen Problemen und Fragen. Ist der Zölibat das richtige für mich? Ist Pfarrer sein das richtige für mich? Das waren schon Fragen, mit denen fertig zu werden nicht immer einfach gewesen ist. Die Grundrichtung hatte ich immer vor mir, an Krisen hat es allerdings nicht gefehlt.
Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde, 1996



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Wissenschaft und Pastoral
In den Jahren meines Münchener Theologiestudiums habe ich vor allem mit zwei Fragen ringen müssen. Ich war fasziniert von der wissenschaftlichen Theologie. Ich fand es wunderbar, in die grosse Welt der Geschichte des Glaubens einzudringen; weite Horizonte des Denkens und des Glaubens erschlossen sich mir, und ich lernte dabei, die Urfragen des Menschseins, meine eigenen Lebensfragen zu bedenken. Aber es wurde immer klarer, dass zum Priesterberuf mehr gehört als die Freude an der Theologie, ja, dass die Arbeit in der Pfarrei oft recht weit wegführen kann davon und ganz andere Anforderungen stellt. Ich konnte ja nicht Theologie studieren, um Professor zu werden, auch wenn dies mein stiller Wunsch war. Aber das Ja zum Priestertum bedeutete für mich, ja zu sagen zur ganzen Aufgabe, auch in ihren einfachsten Formen.
Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde, 1996



Neuer Aufbruch und Vertrauen in die Kirche
Wenn ich auf die spannenden Jahre meines Theologiestudiums zurückschaue, kann ich mich nur wundern über all das, was heute über die "vorkonziliare" Kirche behauptet wird. Wir alle lebten in einem wohl schon in den zwanziger Jahre aufgekommenen Gefühl des Aufbruchs, einer mit neuem Mut fragenden Theologie und einer Spiritualität, die Veraltetes und Verstaubtes abtat, um zu neuer Freude der Erlösung zu führen. Das Dogma wurde nicht als äussere Fessel, sondern als lebendige Quelle verstanden, die überhaupt Erkenntnis ermöglichte. Kirche war für uns vor allem lebendig in der Liturgie und im grossen Reichtum der theologischen überlieferung. Den Anspruch des Zölibats haben wir nicht leichtgenommen, aber wir waren doch überzeugt, dass wir der säkularen Erfahrung der Kirche trauen durften und dass der bis ins Innerste dringende Verzicht, den sie uns auflegte, fruchtbar sein würde.
Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, 1998



Schüchtern, unpraktisch, unsportlich, unorganisatorisch, unadministrativ...
Da ich eher schüchtern und recht unpraktisch war, da ich weder sportlich noch organisatorisch oder administrativ begabt war, musste ich mich fragen, ob ich den Zugang zu den Menschen finden würde – ob ich zum Beispiel als Kaplan im Stande sein würde, katholische Jugend zu führen und zu inspirieren, ob ich zum Religionsunterricht für die Kleinen fähig sein würde, mit den Alten und Kranken umgehen könnte usw. Ich musste mich fragen, ob ich zu alledem ein Leben lang bereit sein würde und ob es wirklich meine Berufung sei.
Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde, 1996



Der Zölibat
Damit verband sich natürlich die Frage, ob ich ein Leben lang den Zölibat, die Ehelosigkeit, würde bestehen können. Da in der zerstörten Universität noch kein Platz für die Theologen war, lebten wir zwei Jahre lang im Schloss Fürstenried mit seinen Zubauten am Rand der Stadt. Da war die Lebensgemeinschaft nicht nur zwischen Professoren und Studenten, sondern auch zwischen Studenten und Studentinnen eng, so dass im täglichen Begegnen die Frage des Verzichts und seiner inneren Sinngebung durchaus praktisch war. Ich habe diese Fragen oft durch den schönen Park von Fürstenried und natürlich in die Kapelle getragen, bis ich schliesslich bei der Diakonatsweihe im Herbst 1950 ein überzeugtes Ja sagen konnte.
Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde, 1996



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Abschluss des Theologiestudiums und Anfrage für eine Preisarbeit
Nach dem Schlussexamen der Theologie im Sommer 1950 ergab sich ein unerwarteter Auftrag, der wieder eine entscheidende Weichenstellung für mein ganzes Leben mit sich brachte. In der Theologischen Fakultät war es üblich, dass jedes Jahr eine Preisaufgabe gestellt wurde, die innerhalb von neun Monaten bearbeitet und anonym unter einem Kennspruch eingereicht werden musste. Wurde einer Arbeit der Preis zuerkannt (der in einer sehr geringen Geldgabe bestand), so war sie dadurch automatisch auch als Dissertation mit dem Prädikat Summa cum laude angenommen; dem Gewinner stand also die Tür zur Promotion offen. [...] Gottlieb Söhngen eröffnete mir im Lauf des Juli, dass er dieses Jahr das Thema bestimmen werde und dass er damit rechne, dass ich mich an die Bearbeitung wagen würde. Ich fühlte mich in der Pflicht und blickte dem Augenblick der öffentlichen Verkündigung des Themas mit Spannung entgegen. Das vom Meister ausgewählte Thema lautete: Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche. Da ich in den vergangenen Jahren eifrig Väter gelesen und auch ein Augustinus-Seminar Söhngens besucht hatte, konnte ich mich dem Abenteuer stellen.
Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, 1998



Terminkollisionen...
Die grossen Ferien, die von Ende Juli bis Ende Oktober dauerten, waren ganz der Preisarbeit gewidmet. Aber dann ergab sich eine schwierige Situation. Ende Oktober empfingen wir die Subdiakonats- und die Diakonatsweihe. Damit begann die engere Vorbereitung auf die Priesterweihe, die damals etwas anders aussah als heute. Wir waren nun wieder alle im Priesterseminar in Freising zusammen und wurden in die praktischen Aspekte des priesterlichen Dienstes eingeführt; dazu gehörte unter anderem die Einübung in Predigt und Katechese. Der Ernst dieser Vorbereitung fordert eigentlich den Menschen uneingeschränkt, aber ich musste nun doch versuchen, damit die Erarbeitung meines Themas zu verbinden. Die Toleranz des Hauses und die Nachsicht meiner Weggefährten machten diese schwierige Kombination möglich. Mein Bruder, der mit mir auf dem Weg zum Priestertum war, nahm mir – soweit es nur irgend ging – die praktischen Vorbereitungsarbeiten für die Zeit von Priesterweihe und Primiz ab; meine Schwester, die zu dieser Zeit als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei beschäftigt war, besorgte in ihrer Freizeit in mustergültiger Weise die Reinschrift des Manuskripts, das so gerade innerhalb des gestellten Termins abgeliefert werden konnte.
Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, 1998








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