Liturgie und Musik




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Musik als Liturgie: Vor Gott singen
"Coram angelis psallam tibi, domine - Im Angesicht der Engel will ich dir singen, o Gott." Da sind zwei Bezugspunkte angegeben. Der erste heisst"tibi" - wir singen "dir". Es handelt sich um Begegnung mit dem lebendigen Gott. Wir singen nicht einfach für uns selber, führen etwas auf; wir singen auf ein Du hin. Wir singen, ihn vor Augen und um zu ihm vorzudringen, wir singen für Gott - für den Gott, der kein Unbekannter ist, sondern ein Gesicht hat, das Gesicht Jesu Christi. Für den Gott, der "Logos", Wort, Vernunft und Liebe ist. Zu solcher Begegnung muss also gehören: Einerseits, dass es sich um Musik handelt, die sich dem Wort verpflichtet weiss, die von der Vernunft erleuchtet ist; andererseits dass es Musik ist, die aus dem Herzen kommt, die von der Liebe inspiriert wird. Der zweite Gesichtspunkt lautet: "coram angelis" - vor den Engeln singen wir. Benedikt wollte sicher den Mönchen sagen, sie sollten bedenken, dass bei ihrem Chor im stillen die Engel anwesend sind, dass sie zuhören und der Gesang so sein soll, dass die Engel ihn hören können. Aber es ist mehr - es ist nicht nur, dass die Engel da sind und zuhören, sondern wir singen mit ihnen. Wir sollten also das " Ohr des Herzens" so weit öffnen, dass wir sozusagen den Gesang der Engel innen verstehen und in ihn einstimmen, mit ihnen mitsingen können. Gemeint sind natürlich dann bei diesem Mitsingen nicht nur die Engel, sondern die ganze Gemeinschaft der Heiligen aller Orte und Zeiten.
Ansprache an die Vertreter der Hochschule für Katholische Kirchenmusik Regensburg, 30. September 2007



Wir singen für Gott - für den Einen
Wir singen zuerst für dieses Du - für den Einen. Aber singen und spielen ("psallere" ist an sich ein instrumentenbegleitetes Singen), nicht nur als Individuen, sondern im Einklang mit dem grossen Gesang von Himmel und Erde, mit dem Gesang aller Zeiten. Das bedeutet dann für die Kirchenmusik, so wie sie sich an diesem Gott, der Logos und Liebe ist, orientiert und von ihm inspirieren und berühren lässt, dass sie sich auch hineingenommen weiss in das grosse singen der Jahrhunderte, in das singen der vergangenen Chöre wie der künftigen, auf die sie sich ausspannt. Daraus ergibt sich, wie mir scheint, sowohl die Bindung wie die Freiheit der Kirchenmusik: Die Bindung besteht nicht so sehr in äusseren Rechtsvorschriften als darin, dass wir uns diesem Du zuwenden, von ihm uns formen, reinigen und erleuchten lassen, und uns damit zugleich in die grosse Symphonie des Wir hineingeben und in ihr versuchen, keine Misstöne zu bringen, sondern zu bereichern und auszuweiten. Diese Bindung ist zugleich Freiheit, denn wir singen nicht nur mit der Kirche der Vergangenheit, sondern auch mit der Kirche der Zukunft. Deswegen ist das Schöpferische und Weite immer wieder angefragt. Die Wegweisung, die es vom Du Gottes und vom Wir der Gemeinschaft der Heiligen her empfängt, verengt nicht, sondern gibt die Inspiration, die zu wahrer Kreativität nötig ist.
Ansprache an die Vertreter der Hochschule für Katholische Kirchenmusik Regensburg, 30. September 2007



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Mitsingen mit den himmlischen Chören
Der Liturgische Gesang hat nach den Vätern seine besondere Würde dadurch, dass er Mitsingen mit den himmlische Chören ist. Die Begegnung mit Jesus Christus ist es, die uns hörfähig macht für das Singen der Engel und so die Wahre Musik erschafft, die verfällt, wo uns dieses Mitsingen und Mithören abhanden kommt.
Homilie bei der Mitternachtsmette, 25. Dezember 2007



Wahre Kunst entfremdet nicht von der täglichen Wirklichkeit
Es besteht eine geheimnisvolle und tiefe Verwandtschaft zwischen Musik und Hoffnung, zwischen Gesang und ewigem Leben: Nicht umsonst teilt die christliche Überlieferung die Seligen beim Chorgesang dar, von der Schönheit Gottes hingerissen und verzückt. Aber die wahre Kunst, ebenso wie das Gebet, entfremdet uns nicht von der täglichen Wirklichkeit, sondern führt uns vielmehr zu ihr hin, um sie zu "bewässern" und gedeihen zu lassen, damit sie Früchte des Guten und des Friedens trägt.
Ansprache beim Konzert am 24. April 2008



Gott finden indem man ihn lobt
Man findet Gott vor allem, wenn man ihn lobt, nicht nur, wenn man über ihn nachdenkt; und die Liturgie ist nicht etwas von uns Konstruktives, etwas, das erfunden wurde, um während eines bestimmten Zeitraumes eine religiöse Erfahrung zu machen, sie ist das singen mit dem Chor der Geschöpfe und das Eintreten in die kosmische Wirklichkeit selbst. Und gerade so wird die scheinbar nur kirchliche Liturgie weit und gross, sie wird zu unserer Vereinigung mit der Sprache aller Geschöpfe.
Generalaudienz, 14. Mai 2008



Das Wort Gottes verlangt Musik
Die Psalmen enthalten immer wieder Anweisungen auch dafür, wie sie gesungen und mit Instrumenten begleitet werden sollen. Für das Beten vom Wort Gottes her reicht das Sprechen nicht aus. Es verlangt Musik. Zwei Gesänge der christlichen Liturgie stammen von biblischen Texten, in denen sie im Mund der Engel erscheinen: das „Gloria“, das zuerst bei der Geburt Jesu von den Engeln gesungen wurde und das „Sanctus“, das nach Jesaja 6 der Ruf der Seraphim ist, die Gott unmittelbar nahestehen. Der christliche Gottesdienst bedeutet von daher die Einladung, mit den Engeln mitzusingen und so das Wort zu seiner höchsten Bestimmung zu führen.
Ansprache bei der Begegnung mit Vertretern der Kultur im Collège des Bernardins in Paris, 12. September 2008



In die Musik der erhabenen Geister einstimmen
Bei Benedikt [von Nursia] steht als massgebende Regel über dem Gebet und Gesang der Mönche das Psalmwort: „Coram angelis psallam Tibi, Domine“- im Angesicht der Engel psalliere ich vor dir (vgl. 138,1). Hier drückt sich das Bewusstsein aus, beim gemeinsamen Gebet in der Anwesenheit des ganzen himmlischen Hofes zu singen und damit dem höchsten Massstab ausgesetzt zu sein: so zu beten und zu singen, dass man in die Musik der erhabenen Geister einstimmen kann, die als die Urheber der Harmonie des Kosmos, der Musik der Sphären galten. Von da aus kann man den Ernst einer Betrachtung des hl. Bernhard von Clairvaux verstehen, der ein von Augustinus überliefertes Wort platonischer Tradition gebraucht, um über den schlechten Gesang von Mönchen zu urteilen, der für ihn offenbar keineswegs ein letztlich nebensächliches kleines Unglück war. Das Durcheinander eines schlecht durchgeführten Gesanges bezeichnet er als Absturz in die „Zone der Unähnlichkeit“ – die „regio dissimilitudinis“.
Ansprache bei der Begegnung mit Vertretern der Kultur im Collège des Bernardins in Paris, 12. September 2008



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Gotteswürdige Musik
Es zeigt, dass die Kultur des Singens auch Kultur des Seins ist und dass die Mönche mit ihrem Beten und Singen der Grösse des ihnen übergebenen Wortes, seinem Anspruch auf wahre Schönheit entsprechen müssen. Aus diesem inneren Anspruch des Redens mit Gott und des Singens von Gott mit den von ihm selbst geschenkten Worten ist die grosse abendländische Musik entstanden. Es ging nicht um private „Kreativität“, in der das Individuum sich selbst ein Denkmal setzt und als Massstab wesentlich die Darstellung des eigenen Ich nimmt. Es ging vielmehr darum, wachsam mit den „Ohren des Herzens“ die inneren Gesetze der Musik der Schöpfung selbst, die vom Schöpfer in seine Welt und in den Menschen gelegten Wesensformen der Musik zu erkennen und so die gotteswürdige Musik zu finden, die zugleich dann wahrhaft des Menschen würdig ist und seine Würde rein ertönen lässt.
Ansprache bei der Begegnung mit Vertretern der Kultur im Collège des Bernardins in Paris, 12. September 2008

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